In den vergangenen drei Jahren bin ich leider wegen anderweitiger Verpflichtungen kaum zum Schreiben gekommen. Einen Text habe ich jedoch geschrieben – und er zählt zu den Texten, die mir sehr ans Herz gewachsen sind. Zu Lesen ist er in dem Buch „Familienstand Single“, das soeben in zweiter Auflage im Wichern-Verlag erschienen ist.

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Zu Lesen ist er aber nun auch hier, denn es sind nur noch wenige Tage, da wird er gewissermaßen ein Dokument eines vergangenen Lebensabschnitts sein.

Es grüßt aus meinem Krakauer Büro, dem Café Kolory
UvS

Die Weite vorm offenen Kamin

Du sitzt in einer urigen Kneipe, das Kaminfeuer brennt behaglich. Außer dir und deinen Freunden sind keine anderen Gäste da, ihr seid unter euch, Männer, wie der Volksmund sagt, im besten Alter. Ihr trinkt, esst, redet, esst, trinkt, es ist gemütlich. Ihr habt alles, was ihr braucht: Frisch gezapftes Pils, der Wirt hat Bob Dylan eingelegt (extra für euch; es ist niemand da, den es stören könnte), Jägerschnitzel mit Pommes, Rauchware, einen bequemen Stuhl. Und ihr habt Zeit und Ruhe. Zum Reden. Ungestört, niemand fällt euch ins Wort, niemand weiß alles besser, ihr dürft das kleine Wörtchen „man“ verwenden, ohne dass euch jemand darauf hinweist, dass „man“ diskriminierend sei, weil es klinge wie „Mann“ und folglich mehr als die Hälfte der Menschheit von vornherein ausschließe. Ihr habt den letzten Bundesliga-Spieltag analysiert, über die Trainingsmethoden von Jürgen Klinsmann diskutiert, euch gewünscht, einmal Franz Beckenbauer zu sein, weil ihr dann heute das Gegenteil von gestern behaupten könntet und morgen wieder etwas anderes sagen dürftet, ohne dass euch jemand zur Rechenschaft ziehen würde oder die Freundschaft aufkündigte. Ihr klagt über eure Chefs, oder wenn ihr selbst Chef seid, über eure Mitarbeiter, tadelt die Bundesregierung, die sich zu willfährigen Gehilfen des Kapitals gemacht und keine Visionen mehr hat, trauert dem letzten Rock’n’Roller der Politik nach, schaut kurz in den Spiegel über der Theke, ob ihr auch schon so zerknittert ausseht, ihr schimpft über CIA, FBI, BND, MDR und RTL, und träumt, während Bob Dylan den Highway 61 besingt, von Freiheit, Weite, Unabhängigkeit. Und von den guten, alten Zeiten, als ihr jünger wart, so viel jünger als heute Abend, so jung, dass man kaum glauben möchte, jemals so jung gewesen zu sein. Ihr seid entspannt, es geht euch gut, ihr seid glücklich. Das kommt nicht oft vor. Aber heute Abend ist es so. Ein seltener Moment, und ihr genießt ihn.

Als ihr gerade dabei seid, zwanzig, fünfundzwanzig Jahre in die Zukunft zu blicken und euch darüber streitet, in welcher Gegend ihr ein Haus für eure Ruhestands-Männer-Wohngemeinschaft erwerben sollt (Mecklenburger Seenplatte?, Schlesische Beskiden?, Siegerland?) öffnet sich die Tür und zwei Gäste betreten den kleinen Raum. Es sind – Bodo, der mit dem Rücken zur Wand sitzt, hat es zuerst bemerkt – zwei Frauen. Es sind – unabhängig von allen Geschmacksfragen (ob blond, ob braun, ob henna) – zwei schöne Frauen. Sehr schöne Frauen sogar. Sie sind so schön, dass ihr nicht mehr darüber reden wollt, ob in eurem Ruhestands-Domizil nun ein offener Kamin eingerichtet werden soll oder nicht.

Du siehst, wie sich – nach einer nahezu unendlich anmutenden Zeit des Schweigens – Gottfried, der es nie übers Herz gebracht hat, seine Mutter zu verlassen („Jemand muss sich doch um sie kümmern“), aufrichtet und sein noch immer beneidenswert dichtes Haar zurechtlegt. Du hörst, wie Bodo, der seit drei Jahren und zwei Monaten keinen Sex mehr gehabt hat (das hat er dir am vergangenen Freitag erzählt, als ihr an seinem Küchentisch eine Flasche Wodka geleert habt), hüstelt, sich räuspert und sich einen Kaugummi in den Mund schiebt. Du siehst, wie Manni, nachdem er sich seine Brille aufgesetzt hat, den Bauch einzieht und sich durch den Bart streift, ob sich womöglich ein Krümel eingenistet habe. Du hörst, wie Hans, der sich seit seiner Scheidung („Du stellst dir nicht vor, was mich das gekostet hat! Nie wieder, sag ich dir, nie wieder!“) geschworen hat, nie wieder eine Frau anzuschauen, raunt: „Kennt ihr die? Sind die von hier?“ Und du lehnst dich zurück, setzt eine wichtige Miene auf und sagst mit fester Stimme: „Jungs, gebt euch keine Mühe, ihr habt eh keine Chance.“
„Klugscheißer“, bekommst du zur Antwort. Es wird dir fast zugeflüstert, am Nebentisch soll ein solch garstiges Wort nicht gehört werden.
„Aber du hast Chancen!“, zänkt Hans.
„Woher willst du das wissen?“, fragt Gottfried, der sich auch im fortgeschrittenen Alter noch eine kindliche Neugier bewahrt hat.
Du lehnst dich noch weiter zurück, nippst an deinem Bierglas, grinst und sagst, als sich endlich alle Blicke auf dich richten: „Flirtforschung. Der erste Kontakt geht immer von den Frauen aus. Das sind Bruchteile von Sekunden, in denen sich alles entscheidet.“
Du siehst, wie sich vier Augenpaare in Richtung Frauentisch bewegen, dort verharren und sich dann dir zuwenden.
„Quatsch!“
„Das ist so! Wir Männer denken immer nur, dass wir die Initiative ergreifen. Aber das ist ein Irrtum. Ein tragischer Trugschluss.“
Vier Köpfe schwenken erneut zum Nebentisch, verbleiben in dieser etwas verkrampften Haltung, so lange, bis zwei Köpfe kurz aufblicken, und von einem dieser Köpfe, aus einem wunderschönen Mund mit wohlgeformten Lippen, vier Worte gezischt werden: „Haben Sie ein Problem?“
„Nö“, ist die einzige Entgegnung.

Eine wahrlich jämmerliche Entgegnung. Des männlichen Geschlechts nicht würdig. Zwei Buchstaben, die sein ganzes Elend offenbaren: Es ist nicht imstande, zur rechten Zeit die rechten Worte zu finden. Allenfalls in seltenen Sternstunden gelingt es ihm, und dann auch nur wenigen auserwählten Exemplaren. Man kennt diese wenigen Auserwählten nur vom Hörensagen. Aber es muss sie geben, denn wenn es sie nicht gäbe, würden sie einem von Frau nicht zur passenden Gelegenheit – und Frau findet immer eine solche – als Vorbild vor Augen gemalt: „Der XY hat aber …“, „Du solltest dir mal ein Beispiel an Z nehmen …“

Interessanterweise sind es zwei Kategorien von Auserwählten, die dir von Frau als ebenso rares wie leuchtendes Beispiel vorgehalten werden. Zum einem sind es die Partner oder Ehemänner von ihren Freundinnen, zum anderen – man glaubt es kaum, aber es ist so – sind es ihre Ex. Irgendein Ex (ob Mann, ob Partner, ob Lover, ob One-Night-Stand), auch wenn er ein kompletter Volltrottel war, hat immer irgendetwas besser gemacht als du. Der eine hat beim Sex Maßstäbe gesetzt, der zweite als Handwerker, der dritte als Häuslebauer, der vierte als exotische Urlaubsliebe, der fünfte, weil er mit ihren Kindern so einfühlsam umgehen konnte, der sechste als Bügler, Wäscher und Staubsauger, der siebte als Großverdiener. Und so weiter. Ja, es stimmt, du hast keine Chance, denn du kannst niemals ihrem Ideal entsprechen. Frau hat große Ideale, unerreichbare Ideale, und weil du weißt, dass du niemals ihren Idealen entsprechen kannst, lässt du die Blicke, die vom Nebentisch soeben verstohlen in deine Richtung zielen, sich unerwidert ins Leere verlieren. Nein, du schaust sie nicht an, du lächelst auch nicht, du starrst gleichgültig auf das Bild an der Wand. Du weißt, dass du ihren Ansprüchen nicht genügen wirst, dass sie dich schon nach wenigen Tagen wieder hinauskomplimentieren oder dir irgendwann die Hölle auf Erden bereiten wird. „Lieber ein triefendes Dach als ein zänkisches Weib“, erinnerst du dich an einen weisheitlichen Bibelvers und du stützt deinen linken Ellbogen auf die Tischplatte und führst mit der rechten Hand dein Bierglas zum Mund.

Du siehst, wie nun vier Männer im gestandenen Alter den linken Ellbogen auf den Tisch stützen und mit der rechten Hand ein Bierglas zum Mund führen, so als ob sie eine Weltmeisterschaft im Synchronwettbewerb für Am-Tisch-sitzen-und-ein-Bier-Trinken gewinnen wollten.
„Seht ihr!“, sagst du, und keiner widerspricht dir. Ihr schweigt. Ihr habt auch zuvor geschwiegen, doch jetzt ist es kein einvernehmliches Schweigen mehr, kein Schweigen mehr voller Vertrautheit, wie es nur zwischen guten Freunden geschieht. Jetzt ist es ein Schweigen, das viele Fragen offen lässt. Zum Beispiel diese: „Warum bin ich nicht glücklich verheiratet?“ Oder jene: „Warum habe ich keine Frau, mit der ich alt werden möchte?“ Oder eine dritte: „Was mache ich falsch, dass ich keine Frau finde?“ Ihr sinniert, grübelt, unterbrecht euer Schweigen zum Bestellen einer neuen Runde, schweigt wieder, stellt mit Erstaunen fest, dass noch immer Bob Dylan läuft, schweigt weiter, versucht Gesprächsfetzen vom Nebentisch aufzuschnappen, schweigt, bis sich wieder eine Einvernehmlichkeit hergestellt hat:
„Tja, irgendwas machen wir wohl falsch.“
„Man liebt nur einmal im Leben.“
„Nach der ersten Liebe sind alle anderen nur ein Abklatsch.“
„Du kommst nie darüber hinweg, dass sie dich verlassen hat.“
„Ich hab keine Lust, die Schäden zu reparieren, die meine Vorgänger angerichtet haben.“
„Wenn sie Kinder hat, bist du eh nur das fünfte Rad am Wagen.“
„Die Tragik ist: Der Mann will immer der erste sein, die Frau immer die letzte.“
„Wer sagt das?“
„Arthur Schnitzler.“
„Manche können es nicht ertragen, geliebt zu werden.“
„Wir haben einfach zu wenig Selbstvertrauen.“
„Das eigentlich starke Geschlecht sind doch die Frauen.“
„Hast du eine Mutter, hast du immer Butter.“
„Mensch, sei helle, bleib Junggeselle.“
„Genau.“
„Prost.“

Ihr schweigt wieder, innig miteinander verbunden und im tiefsten Herzen solidarisch. Der Wirt hat John Lee Hooker eingelegt, I’m in the mood. Hm, hm, hm, hmmmmm, haow, haow, haow, haow …
„Der hat’s gut, dem liegen die Frauen zu Füßen.“
„Das ist vorbei. Jetzt liegt er ihnen zu Füßen. Wenn sie sein Grab besuchen.“
Hm, hm, hm, hmmmmm, haow, haow, haow, haow …
Du siehst, aber nur wenn du deinen Augapfel in eine extreme Position bringst, dass sie dich anschaut. Du machst mit deiner Hand eine Bewegung, als ob du eine Fliege verscheuchen wolltest. Dein Auge beginnt, weh zu tun, so dass du deinen Kopf ein wenig nach links drehst, um den Schmerz zu lindern. Aber ganz langsam, so langsam, dass es niemand bemerkt. Sie ist wirklich eine schöne Frau. Eine Traumfrau. Du überlegst, in welche Schublade du sie einordnen sollst. Schublade eins: die Ich-nehm-mir-wen-ich-will-Frauen. Schublade zwei: die Komm-mir-nicht-zu-nahe-und-rühr-mich-bloß-nicht-an-Frauen. Schublade drei: die Tut-mir-Leid-ich-bin-glücklich-verheiratet-und-habe-zwei-prächtige-Kinder-Frauen.
Schublade zwei kann ausgeschlossen werden – diese Frauen tragen Schlabberpullover, haben Stoppelhaare und einen Damenbart. Außerdem haben sie immer schlechte Laune. Wobei – Plattitüde – Ausnahmen die Regel bestätigen. Es gibt auch sehr schöne Frauen, die signalisieren: „Komm mir bloß nicht zu nahe!“ Das sind die interessantesten Frauen. Die wahrhaft reizvollen, die unergründlichen, die tiefsinnigen, die abgrundtiefen, die dich erst zur Höchstform und dann in den Wahnsinn treiben. Man, Entschuldigung, Mann muss sehr viel investieren, um diese Nuss zu knacken. Meistens gibt Mann vorher auf, weil er nicht wahnsinnig werden will oder weil er die Geduld verloren hat. Später erfährt er dann über sieben Ecken hinweg, dass sie ihn wahnsinnig toll und lieb gefunden hat. Und dann ist er wirklich dem Wahnsinn nahe. Vor allem wenn er hört, dass ihr irgendein Volltrottel kistenweise Rosen und literweise Parfüm geschenkt und ihr an südlichem Sandstrand bei Vollmond einen goldenen Ring mitsamt Heiratsantrag überreicht hat. Und dass sie nicht nein sagen konnte.

Aber sie lächelt, also kann sie nicht in Schublade zwei gehören. Bleiben noch Schublade eins und drei. Du möchtest herausfinden, ob sie einen Ring trägt und folglich in Schublade drei gehört. Verheiratete Frauen sind für dich Tabu, ebenso wie Kolleginnen. Mit Schublade-drei-Frauen anzubändeln, gibt nur Stress und Ärger. Also lässt du – im wahren Sinne des Wortes – die Finger von ihnen. Wenn sie in Schublade drei gehörte, würde es alles für dich vereinfachen: Du müsstest dir nicht eingestehen, dass sie dir gefällt, sehr sogar, und dass du mit größtem Vergnügen die Runde deiner Freunde verlassen würdest, um dich zu ihr zu gesellen. Wieder verscheuchst du eine imaginäre Fliege. Ja, sagst du dir, sie ist verheiratet – und glücklich obendrein. Nun lächelt sie so auffällig, dass es auch die anderen bemerken.
„Die lächelt dich an.“
„Blödsinn.“
„Doch! Schon den ganzen Abend. Aber du Trottel bekommst das wieder nicht mit, weil du Löcher in die Luft guckst. Du hast Chancen bei ihr.“
„Ach, ich doch nicht.“
„Mann, so viele Komplexe wie du möchte ich haben! Du bist doch total verklemmt. Mach dich ran! Du bist kein kleiner Junge mehr.“
„Wenn du heutzutage eine Frau ansprichst, kommst du gleich wegen sexueller Belästigung in den Knast.“
„Wo er Recht hat, hat er Recht.“
„Er hat doch eben selbst gesagt, dass die Initiative immer von den Frauen ausgeht. Also muss er nur noch zugreifen.“
Du winkst ab. Aus Verlegenheit bestellst du noch ein Bier. Und brüllst so laut, dass du selbst erschrickst: „Tu nochmal Highway 61 rein! Aber die 15-Minuten-Version von Johnny Winter!“
Du siehst, wie deine Freunde unter sich schauen und mit dem Kopf schütteln. Du spürst, wie sich dein Gesicht rot färbt. Du bekommst einen Schweißausbruch. Kein Zweifel, du hast dich blamiert. Du wagst es nicht, zum Nebentisch zu gucken.
„Die will doch nur Sex“, hörst du dich sagen.
„Eine schöne Nacht würde sie einem sicher machen.“
„Die ist eine von denen, die sich nehmen, wen sie wollen … Und dann schmeißt sie dich raus.“
„Ich würde auch nicht mit der mitgehen. Die ist mir zu gefährlich.“
„Gottfried, du hast Recht.“
„Mann, sind wir Weicheier!“
„Schlimmer noch: Schlappschwänze!“

Der Wirt hat die 15-Minuten-Version von Johnny Winter eingelegt. Du wippst mit dem Fuß und klopfst mit den Fingern auf den Tisch. Ihr alle wippt mit dem Fuß und klopft mit den Fingern auf den Tisch. Eine Viertelstunde macht ihr nichts anderes, als mit dem Fuß zu wippen und mit der Hand auf den Tisch zu klopfen. Und in Klopfpausen Luftgitarre zu spielen. Eine Viertelstunde lang redet ihr kein Wort miteinander, eine Viertelstunde lang habt ihr den Blues. Und es geht euch gut.
„Sweet home, Alabama!“, brüllst du, als Highway 61 zu Ende ist.
„Sweet home, Alabama!“, grölt ihr im Chor, als der Wirt euren Wunsch erfüllt hat. Freiheit, Weite, Unabhängigkeit, irgendwo in Alabama, irgendwo in Kleinzschocher oder Großpostwitz. Freiheit, Weite, Unabhängigkeit, das ist das, was ihr wollt, ihr wollt Cowboys sein, die kein Zuhause haben, Lonesome Riders, die über verlassene Bahngleise durch eine unendliche Wüste pilgern, Hobos, die auf Züge aufspringen, ohne zu wissen, wohin sie fahren, Steppenwölfe, die es nachts ohne Rast und Ruh aus der Einsamkeit in die Großstadt zieht, kleine Jungs, die durch Wälder und über Felder streifen, Humphrey Bogarts, die sich bei Whiskey und Zigarette der Sehnsucht hingeben. Whiskey, Bier und Blues, mehr braucht ihr nicht zum Leben. Yeah! Und Freiheit, Weite, Unabhängigkeit! Yeah, Yeah, Yeah! Und eine Mutter, die auf euch wartet, wenn ihr nach Hause kommt, die über euer Haar streicht und euch eine warme Suppe kocht, die eure Wäsche wäscht und euch das Bett bezieht, die Balsam für eure zerschundene Seele bereit hält. Und ihr wollt geliebt werden, nichts als geliebt werden. Ihr wollt „Ich liebe dich“ hören. Ihr wollt Nähe, Zärtlichkeit und Geborgenheit, ihr wollt euren Kopf an eine Brust oder in einen Schoß legen, „ich hab dich lieb“ spüren. Aber das gesteht ihr euch nicht ein, nein, das gesteht ihr euch nicht ein, ihr wollt euch keine Blöße geben, keine Schwäche zeigen, weil ihr seid ja stark. Starke, mutige Männer, die sich auf ihrem Weg nicht aufhalten lassen, die sich nicht stoppen lassen wollen auf ihrem Weg in einen zu frühen Tod.

„Schöne Musik heute Abend. Hat mir gefallen. Mal was anderes.“
„Häh?“ Wieder eine jämmerliche Entgegnung. Eine geradezu unglaublich jämmerlich-dämliche Entgegnung, die Steigerung von „Nö.“ Und ausgerechnet du hast sie ausgesprochen. Du hast dich damit bloßgestellt als besonders einfallloses Exemplar der Gattung Mann. Wie kann man auf diese so lieblich und bezaubernd geäußerten Worte nur so bescheuert reagieren. Oh Mann, bist du ein Trottel!
„Dann wünschen wir Ihnen noch einen schönen Abend!“
„Ja, äh, wir Ihnen auch …“ Ihr redet durcheinander, jeder sagt etwas, jeder lächelt, jeder bringt sich noch ein letztes Mal in Pose. Du siehst keinen Ring an ihrer rechten Hand, dann schnappt die Tür ins Schloss, und ihr sinkt in euch zusammen. Ihr legt eure Arme auf den Tisch, der Wirt bringt euch eine letzte Runde. Zum Abschluss legt er Knockin’ on heaven’s door ein. „Mama, take this badge off of me …“
„Jetzt sind wir wieder unter uns.“
„I feel like I’m knockin’ on heaven’s door …“
„Wollen wir nun einen offenen Kamin oder nicht?“

Uwe von Seltmann, 27.01.06

Author

…, geboren 1964 in Müsen, kooperiert als freier Autor, Rechercheur und Projektmanager mit Organisationen u.a. in Deutschland, Polen, Israel, den USA und der Ukraine. Seit über 30 Jahren beschäftigt er sich sowohl mit der jüdischen Geschichte und Kultur als auch mit den familiären, gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen der NS-Zeit auf die Gegenwart. Uwe von Seltmann ist zudem Regisseur und Co-Produzent des preisgekrönten Dokumentarfilms „Boris Dorfman – A mentsh“. Zuletzt erschien 2021 „Wir sind da!“, das offizielle Buch zum Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ (Homunculus, Erlangen).

3 Comments

  1. »Familienstand Single« heißt das Buch; hat sich da nicht kürzlich im Leben des Uwe von Seltmann etwas geändert?!

  2. Da hab ich auch etwas gehört, es habe sich etwas geändert … Gratulation und viel Glück 🙂

    Grüße aus dem Norden.
    M

  3. Von mir auch alles Liebe und Gottes Segen für das Leben zu zweit!
    Ich hoffe, die Hochzeitsfeier war ein rauschendes Fest, aber Polen können ja feiern, habe ich gehört 🙂

    Ich bin gut in Stockholm angekommen und mir geht es gut. Ich bin schon auf der Suche nach Geschichten für die Eine Welt-Seite der Mitteldeutschen Kirchenzeitungen.

    Viele Grüße aus Stockholm
    Annika

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