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Weihnachten in Polen …

Kazimierz, Weihnachten 2009

… ist schön. Die Menschen stehen auf dem Weg zu ihren Familien im Stau oder in überfüllten Zügen oder sie zwängen sich in die Shopping Malls, um in letzter Minute Berge von Geschenken zu erwerben. Das heißt: Außerhalb von Shopping Malls, Straßen und Zügen ist es wunderbar friedlich und leer. Wenn man nicht zu dem gerade erwähnten Personenkreis zählt und auch keine Frau ist, die tagelang in der Küche stehen muss, hat man Muse, sich auf das Menü zu Wigilia, am Heiligen Abend, zu freuen:

1. Zupa Grzybowa (Pilzsuppe)
2. Kapusta z grochem (Kohl mit weißen Bohnen)
3. Barszcz z uszkami i z grzybami (Rote-Beete-Suppe mit „Ohren“ (= Ravioli) und Pilzen)
4. Pierogi z kapustą smażoną (Piroggen mit gebratenem Weißkohl)
5. Karp po żydowsku (Karpfen auf jüdische Art)
6. Karp w bułce (Karpfen frittiert)
7. Apfelstrudel
8. Kompot ze suszonych śliwek (Kompot aus getrockneten Pflaumen)

Eine ausführliche Beschreibung eines Wigilia-Mahles, dass durchaus variabel gestaltet werden kann, auf der Website von Austriapol, dem „Magazin für interkulturellen Dialog“.

Wigilia ist – abgesehen von den Freitagen in traditionell-katholischen Familien – der einzige Tag in Polen, an dem Vegetarier auf ihre Kosten kommen und gerne gesehen sind: Zu Wigilia wird fleischlos gegessen. Für mich, einem bekennenden Nicht-Vegetarier und Nicht-Freund von weißen Bohnen und Karp po żydowsku, ist das Essen am Heiligen Abend daher eher von der Vorfreude auf das Eigentliche bestimmt:

Weihnachtsbraten

Weihnachtstorte

Die Schlemmerei hat natürlich schwerwiegende Auswirkungen auf den menschlichen Organismus.  Vor allem für Ausländer wie mich – wir sind ja laut Statistik nur 0,13 Prozent -, die zudem noch in einer eher puritanischpietistisch-protestantischen Tradition aufgewachsen sind: mit Kartoffelsalat, heißer Fleischwurst und Hagebuttentee. Bedauerlicherweise hilft mir auch das polnische Allheilmittel, der Wodka, nicht über die Folgen der Völlerei hinweg, so dass ich ein bissel zu leiden habe. Aber: Das Leiden – da sind sich meine polnisch-katholischen, polnisch-jüdischen und polnisch-atheistischen Freunde ausnahmsweise nahezu ausnahmslos einig – scheint offensichtlich das Signum eines Protestanten zu sein … Doch das ist nun wahrlich ein anderes Thema!

Weihnachtsengel

Für alle, die bis hierhin durchgehalten haben, ein kleiner Teaser auf das, was irgendwann nach Weihnachten auf meiner Homepage ausführlicher erscheinen wird: Mein Freund Alex Jacobowitz, Meister des Marimbaphons, hat alte 78er Scheiben seiner Urgroßeltern für die Nachwelt gesichert – zum Beispiel Aaron Lebedeff mit dem Peretz Sandler Orchestra, New York (?) 1921: Shabbes nuchin Kigel. Ein wahrer Schatz!

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=8dMcVTKaBCg&hl=de_DE&fs=1&]

Es grüßt aus dem Café Kolory
UvS

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Vorweihnachtliches …

… mit Bob Dylan – die rechte Einstimmung auf die Festtage: Must be Santa von Christmas in the heart 🙂

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=qVs6X9yIM_k&hl=de_DE&fs=1&]

Und hier als kleine weihnachtliche Gabe: Bob Dylan in seiner Gospel-Phase, als er von dem singt, von dem die einen hoffen, dass er eines Tages wiederkommt, und die anderen, dass er überhaupt erst mal kommt – When he returns, live 1980.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=TvZ1MKrW3SI&hl=de_DE&fs=1&]

(Bob Dylan ist der Herr mit lockigem Haar am Piano)

Ach, wo wir doch – weihnachtlich gestimmt – einmal beim Gospeln sind, noch eine Zugabe: Ain’t gonna go to hell for everybody, live aufgenommen beim legendären Konzert in der Massey Hall in Toronto am 20. April 1980.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=cy-knEt3Kd8&hl=de_DE&fs=1&]

Es war damals die Zeit, als Dylan als Prediger der Apokalypse sein Publikum in Angst und Schrecken versetzte:

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=2WIabE94KB4&hl=de_DE&fs=1&]

So stellt sich dann die Frage: Are You ready to meet Jesus?

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=YZY-sxpW_xU&hl=de_DE&fs=1&]

Yeah, Amen, amazing grace. Lassen wir zum Schluss noch den Slow Train kommen:

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=kWXceHe4s6A&hl=de_DE&fs=1&]

Ein sibirisch-winterlicher Gruß aus Kazimierz
UvS

PS: The times, they are really a’changin …: Bob Dylan einst (Toronto 1980)

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=aBNG2qWCC08&hl=de_DE&fs=1&]

und ein knappes Vierteljahrhundert später: Saving Grace (St. Louis 2004)

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=A-Nm4QmMnWI&hl=de_DE&fs=1&]

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Weihnachten im Herzen …

… habe ich bei sonnigen 25 Grad heute wahrlich nicht. Weihnachtlich zumute wird mir auch nicht, wenn ich die ersten Töne von Christmas in the heart höre – Bob Dylans offiziell 47. Album. Am 13. Oktober wird es in den USA veröffentlicht, in Deutschland wohl schon am 9. Oktober.

Dylan and the boys could play this stuff in their sleep, and it sometimes sounds like they do, schreibt die Chicago Tribune. Sagen wir mal so: Das Gute an dem Album ist, dass er alle Erlöse an das World Food Programme der Vereinten Nationen spenden will. Für eine weiteres Urteil brauche ich wohl eine etwas heimeligere Stimmung um mich herum: Kerzen, Lebkuchen, Nebel, Schnee, Glühwein etc. … Bei der dritten Tasse Glühwein, so könnte ich mir vorstellen, würde ich das Album dann sicher richtig gut finden …

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=gundu1yLjWY]

Obwohl … vielleicht auch schon vorher … Die Stimme! Es ist die Stimme … Dylan’s voice vertreibt den Kitsch aus dem Weihnachtsgrusel! Zumindest manchmal … Und außerdem spielt er Mundharmonika auf Christmas Blues … Und den Blues, den haben wir doch irgendwie alle …

Frohe Weihnachten 🙂
UvS

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Polnische Weihnachten …

… sind zweifelsohne ein eindrückliches Erlebnis.

Letzte Vorbereitungen am Heiligabend in Kazimerz:

01.jpg Hier leben die Karpfen noch. Ob sie ahnen, welches Schicksal ihnen blüht?

02.jpg Die letzten Weihnachtsbäume warten auf einen Käufer.

03.jpg Der letzte Verkäufer wartet auf den letzten Kunden.

04.jpg … und irgendwann bleiben nur noch die Tauben, denn alle Menschen sind …

05.jpg …um den heimischen Herd versammelt. Es gibt nämlich viel zu tun …

06.jpg Zum Beispiel müssen über 200 Pierogi hergestellt werden. Es soll schließlich niemand hungern …

07.jpg … und bis der erste Stern am Himmel erscheint, muss alles fertig sein.

08.jpg Für mich die größte Herausforderung: der fünfte Gang des Menüs zu Wigilia – Karp po żydowsku.

1. Zupa Grzybowa (Pilzsuppe)
2. Kapusta z grochem (Kohl mit weißen Bohnen)
3. Barszcz z uszkami z grzybami (Rote-Beete-Suppe mit „Ohren“ (= Ravioli) und Pilzen)
4. Pierogi z kapustą smażoną (Piroggen mit gebratenem Weißkohl)
5. Karp po żydowsku (Karpfen auf jüdische Art)
6. Karp w bułce (Karpfen frittiert)
7. Apfelstrudel
8. Kompot ze suszonych śliwek (Kompot aus getrockneten Pflaumen)

09.jpg In der weihnachtlichen Stube konnte man dann neue Kräfte sammeln, um …

010.jpg … das Fest gemütlich ausklingen zu lassen.

In diesem Sinne ein Gruß aus dem Café Kolory
UvS

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Krakau zu Weihnachten …

… ist himmlisch leer.

Heute gegen Abend hätte man die Leute auf der ulica Grodzka, dem Königsweg vom Rynek zum Wawel, mit Handschlag begrüßen können. Wo man sich sonst zwischen den Touristenmassen mühsam den Weg bahnen muss, hätte man heute ein Straßenfußballturnier veranstalten können, ohne dass ein Passant den finalen Torschuss unfreiwillig zur Ecke gelenkt hätte. Der eine oder andere Elektronik-Fachmarkt hat zwar in den letzten Tagen vor dem Fest rund um die Uhr geöffnet, doch die meisten Krakauer zieht es offensichtlich nach Hause. Nach Hause, das heißt in irgendein Dorf in den Beskiden, der Hohen Tatra oder den Masuren, wo die Eltern oder Großeltern den Weihnachtsbaum schmücken. Krakau ist wie ausgestorben, und selbst die Kneipen im ehemaligen jüdischen und heutigen Szene-Viertel Kazimierz sind entweder geschlossen oder leer.

Aber manche zieht es auch nach Krakau: die Krakauer, die im Ausland leben und deren Eltern hier den Weihnachtsbaum schmücken. Am Nebentisch im Café Singer zum Beispiel sitzen zehn Personen, die sich gegenseitig unablässig mit dem Handy fotografieren und sich bei Wein, Wodka und Champagner auf das Fest des Friedens vorbereiten. Die sechs Damen sind aufgebrezelt und zeigen fajna góra, die vier Herren sind eher unscheinbar gekleidet und des Polnischen nur in den Grundkenntnissen mächtig. Die Damen reden ohne Punkt und Komma auf Polnisch, die Herren versuchen auf Englisch als common language untereinander eine Kommunikation aufzubauen. Was alle miteinander verbindet, sind die mit weihnachtlichen Motiven bedruckten Papiertaschen der Krakauer Boutiquen, die sich inzwischen stapeln. Ein einsamer Trinker klopft mit den Fingern zum Takt der Musik (Emir Kusturica) auf den Nebentisch und beobachtet die vorweihnachtliche Gesellschaft, ein Paar um die fünfzig schaut belustigt. Die beiden sind Israelis. Ich würde sie gerne fragen, warum sie ausgerechnet zu Weihnachten nach Krakau fahren, wo es mindestens zwanzig Grad kälter ist als in Tel Aviv.

Krakau zu Weihnachten ist himmlisch schön. Doch zu Wigilia, dem Heiligen Abend, werde auch ich die Stadt verlassen haben. Seit vielen Jahren werde ich mal wieder eine weiße Weihnacht erleben, dreißig Zentimeter Schnee liegen dort – in Grybów. Aber zu Silvester bin ich wieder hier – und dann wird die Stadt gewiss nicht ausgestorben sein.

In diesem Sinne: Wesolych Świąt i szczęśliwego nowego rokuEin frohes Fest und ein gesegnetes neues Jahr
UvS

PS: Cheflayouter Jens Luniak sagt immer, dass die Bilder entscheidend sind – und nicht die Worte. Deshalb hier noch ein Foto von unterwegs – auf dem Weg nach Krakau.

0.jpg Foto: Gabriela von Seltmann

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